Liebe Partei, wir müssen reden!

Ich kann voll und ganz verstehen, dass Pyth aus dieser Partei ausgetreten ist. Die Piratenpartei vertritt ein ideales und sehr positives Menschenbild. Wir reden von „Awareness“, wenn es um Sexismus, Rassismus und so viele andere Dingen geht. Löbliche Ziele, jedoch failen wir sehr hart. Reflektiert euch doch mal selbst? Wie geht ihr damit um, wenn in eurer eigenen Filterbubble jemand Victimblaming betreibt? Jeder von uns würde ganz von sich selbst überzeugt natürlich sagen: „Ich stell mich dagegen und weise ihn auf seine Fehler hin.“

Klar, soweit die Theorie. Was ist, wenn jemand wirklich hoch Angesehenes mit einem Superruf in dieser Partei ein solches Verhalten an den Tag legt? Schaut euch eure Filterbubble an und ihr würdet sagen: „Niemals, bei dem kann ich mir das so gar nicht vorstellen.“ Ich hab in dieser Partei schon häufiger diese Argumentation gehört. „Bei uns in der Familie gibt es sowas nicht.“ Ich bin es leid, so etwas zu hören. Ja, auch ich mache da Fehler. Ja, auch ich zeige in so vielen Situationen keine Haltung und sage mir selbst, dass dies gerade nicht mein Problem sei.

Zusätzlich bekommt in dieser Partei nur jemand wie Pyth Unterstützung, weil er viele Freunde und Fans hat. Was ist mit den Basispiraten, die sich im Hintergrund den ‚Arsch aufreißen‘ und nicht so exponiert sind wie Pyth? Diese Piraten haben keine Lobby innerhalb dieser Partei – gerade bei den komplexeren Fällen, mit denen man sich beschäftigen muss. Auch hier müssen wir ehrlich zu uns sein. Wer hat die Muße, sich neben all den eigenen Probleme und Aufgaben noch die Zeit und Kraft zu nehmen, sich noch deren Probleme anzuhören und dort zu helfen?

Es wird ‚allerhöchste Eisenbahn‘, dass wir uns den Problemen in unserer eigenen Filterbubble und der Partei stellen. Awareness nicht nur in der Theorie leben, sondern das in die Praxis umsetzen.

Was wir jetzt gar nicht machen dürfen ist, dass wir uns ein paar Bauernopfer suchen, uns auf die Schulter klopfen und uns gegenseitig sagen, wie toll wir sind und glauben, die Piratenwelt sei wieder heile.

Heute hat mir jemand geschrieben: „Wir vertrauen dem Bürger mehr, als wir uns selbst vertrauen.“ Diese Person hat recht. Wir haben hier ein ganz großes strukturelles Problem.

3 Gedanken zu “Liebe Partei, wir müssen reden!

  1. Pingback: Piratenpartei: Zoff, Frust und das Ende › By Horst Schulte › Netzexil

  2. Lieber Torge,auch ich mache mir Sorgen um unsere Bewegung.Ich habe lange die Kommentare gelesen,der Leute,die auf Pyths Blog geantwortet haben.Ich kenne zwar Pyth nicht,jedoch scheint hier einiges schief gelaufen zu sein!Ich hoffe,dass unsere Sache nicht allzu sehr darunter leidet.Bei uns in Aachen haben wir eine gute „Kultur“miteinander.Möge es so bleiben.
    Ich wünsche Dir Torge,weiterhin alles Gute.

  3. Moin Torge,

    ein sympathischer Aufruf, nur leider in der Realität kaum umsetzbar. Was Du schreibst, beschreibt nicht nur die Piraten, sondern das Verhalten gruppierter Menschen. Es ist egal, wo man schaut. Ob in Parteien, in Vereinen oder allen anderen Arten der Zusammenrottung für bestimmte Zwecke, es ist immer dasselbe in unterschiedlicher Ausprägung. Ich behaupte, ohne die bedrückende Sachlage herunterreden zu wollen, dass es bei den Piraten im Vergleich sogar geringer ausgeprägt ist als im Durchschnitt. Man hört es wegen der an sich positiven Neigung unter Piraten, schonungslos offen zu kommunizieren, nur wesentlich lauter als bei anderen.

    Zur Frage, was wir dagegen machen können, bin ich leider mittlerweile desillusioniert. Du schreibst von den Problemen in der eigenen Filterbubble, denen wir uns stellen müssen. Welche Bubble meinst Du? Ich bin der Ansicht, dass die nur auf das unmittelbare eigene Umfeld bezogen sein kann, in das man umfangreichen Einblick hat. Schon was ein paar Kreise weiter geschieht, deren Mitglieder man nur oberflächlich kennt, kann man nicht aus dem Stand, sondern nur durch umfangreiche Recherche und direkte Gespräche objektiv betrachten und verstehen. Als Landesvorstand muss man das in manchen Situationen machen, aber wer kann das als Einzelperson regelmäßig leisten?

    Noch vertrackter wird es, wenn es um Piraten in anderen Bundesländern geht, die man persönlich gar nicht kennt und in deren Fällen die Kommunikation ausschließlich online stattfindet. Ich bin mir sicher, dass man aus der Ferne kaum beurteilen kann und darf. Ein Beispiel ist Phyt, ein anderes die Spendengeschichte in Berlin. Wie soll ich in solchen Fällen guten Gewissens Partei ergreifen und helfen? Viele Piraten tun es trotzdem. Weil sie etwas ändern wollen und gegen Mobbing sind, verteidigen sie pauschal Leute, die laut und dauerhaft behaupten, gemobbt zu werden. Das wird jedoch sehr häufig von Idioten missbraucht, die dem Miteinander in ihrem Umfeld durch ihr Verhalten heftigsten Schaden zugefügt haben und damit das eigentliche Problem sind. Man kann sie ohne verlässliche und umfangreiche Informationen nicht von tatsächlich gemobbten Leuten unterscheiden.

    Beteiligt man sich trotzdem an lauten Worten oder gar mehr gegen Menschen, die man gar nicht kennt, handelt man fahrlässig. Die Chance, dadurch selbst zum unbewussten Mobber zu werden, steht mindestens bei 50/50. Da tatsächlich Gemobbte sich meiner Ansicht nach mehrheitlich still verhalten, vor allem, wenn sie eher unbekannt sind, ist es sogar wahrscheinlicher, die Falschen zu treffen.

    Meine Lehre daraus: Ruhe bewahren, nicht an Shitstorms dieser Art beteiligen und nur im einfacher durchschaubaren direkten Umfeld aktiv werden. Selbst dort ist genaues Hinsehen und Hinterfragen wichtig, im Gegensatz zum „Fernsehen“ jedoch nicht unmöglich. Wenn das alle machen würden, wäre die Piratenwelt tatsächlich besser.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *